Der Wau-Effekt: Therapiehündin Lilly sorgt für Glücksgefühle bei Patienten und Mitarbeitern.

Ein Hund in der Physiotherapiepraxis. Für Corinna, Karsten und Hundedame Lilly ganz normaler Alltag. Was ist zu beachten, damit Mensch und Tier sich gut verstehen?

Es ist immer wieder lustig zu beobachten, wie sich erwachsene Menschen beim Anblick kleiner Hunde auf ihre Knie fallen lassen und plötzlich anfangen, mit zuckersüßer Stimme Liebenswürdigkeiten zu flöten. Da Hunde leider nicht in unserer Sprache kommunizieren, wohl aber einen Zusammenhang zwischen Worten und Tonfall verstehen, wird für den herzlichen Wortschwall gerne mal eine Oktave höher geträllert. Herrlich!

Ich bin einer dieser Menschen. Es ist wie ein Reflex. Ich muss es tun. Ich sehe einen Hund und muss ihn streicheln. Ich will ihn mit schmusigen Tiraden überschütten und –  wenn er es zulässt – feste drücken. Es macht mich glücklich. Ich liebe es. Und so wie ich empfinden sehr viele Menschen. Die positive Wirkung von Hunden auf Menschen ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Eine Studie der University of British Columbia* zum Beispiel hat messbare, positive Effekte auf das Wohlbefinden, insbesondere auf Stressabbau und negative Gefühle bei den Probanden ergeben.

Kein Wunder also, dass sich Therapiehunde auch hierzulande immer größerer Beliebtheit erfreuen und ein Hund in der Physiotherapiepraxis wahre Begeisterungsstürme bei Patienten und Mitarbeitern auslösen kann.

Heute erzähle ich Lillys Geschichte. Sie arbeitet in Flensburg, Teilzeit, in der Physiotherapiepraxis Jürgensby, die von unseren Elithera-Partnern Corinna Eichholz und Karsten Kohlmeier geführt wird. Lillys Job ist es, Menschen glücklich zu machen und das tut sie.

Das erste Mal bin ich Lilly auf unserer alljährlichen Erfa-Tagung** im letzten Oktober begegnet. Ich war sofort schockverliebt. Ein berufstätiger Hund – für mich eine Premiere. „Ach, was für ein süßer Jacky!“ Uhhh! Schwerer Fehler, Lilly ist keine Jacky-Dame, sondern eine Danski – eine dänische Hofhündin. Ganz hundelike hat sie mir diesen Patzer nicht nachgetragen. Corinna und Karsten waren so lieb, mir ein paar Fragen zu den Themen Hund in der Physiotherapiepraxis sowie Therapiehund zu beantworten, die mir seither auf der Seele brennen.

Wir haben uns via Zoom-Meeting auf einen Kaffee getroffen und über Lilly geplaudert, die natürlich auch mit von der Partie war.

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Hallo ihr drei! Heute geht es mal ausnahmsweise nicht um eine typische Erfolgsgeschichte, sondern eher um eine Liebesgeschichte 🙂 . Ihr habt Lilly vor 2 Jahren adoptiert. War es von Anfang an euer Plan, sie als Therapiehund auszubilden?

CuK: „Nein. Es war eine Zufallsentscheidung und ist mehr oder weniger aus der Not heraus geboren. Lilly kam ja als „Gebrauchthund“ zu uns. Alleine zu bleiben war sie nicht gewöhnt. Da sie ein sehr vorsichtiger und umgänglicher Hund ist, haben wir es riskiert und sie probehalber stundenweise mit in die Praxis genommen. Wir wollten so ihre „Alleinezeit“ reduzieren und sie langsam eingewöhnen. Womit wir nicht gerechnet haben, war die unglaublich positive Resonanz unserer Patienten auf den Hund. Außerdem hatte Lilly offensichtlich Spaß an ihren Praxiszeiten. Diese Kombination hat uns letztendlich erst dazu bewogen, über ihre Ausbildung als Therapiehund nachzudenken.“

Das heißt, als ihr sie anfangs mitgenommen habt, war sie noch kein Therapiehund. Es ist also keine Voraussetzung dafür, dass sich ein Hund in einer Physiotherapiepraxis aufhalten darf?

CuK: „Genau. Theoretisch kann man jeden Hund mit in die Praxis nehmen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Hund entsprechend versichert ist. Die normale Hundehaftpflichtversicherung reicht nicht aus, da es sich um eine Betriebsstätte handelt. Es müssen sowohl die Betriebs- als auch die Hundehaftpflichtversicherung aufgestockt bzw. ergänzt werden.

Außerdem sollten die Hunde durchgeimpft sein. Bei Hunden mit Patientenkontakt sind regelmäßige Entwurmungen, Hygiene sowie Floh-/Zeckenprophylaxe konsequentes Pflichtprogramm und müssen dokumentiert werden. Wir „entwurmen“ Lilly alle sechs Wochen. Wenn sie läufig ist, nehmen wir sie nicht mit in die Praxis. “  

Gibt es Hunde, die sich nicht als „Praxishunde“ eignen?

CuK: „Beachten sollte man zum Beispiel, dass ein sehr großer und massiger Hund manchen Menschen Angst machen kann. Gut geeignet sind natürlich Hunde, die gar nicht oder wenig haaren und die kein Unterfell ausbilden, wegen des Geruchs. Es gibt sogenannte antiallergische Hunderassen, wozu übrigens auch Danskis zählen. Die Entscheidung für eine antiallergische Rasse ist aber kein Muss.

Viel wichtiger ist das Wesen des Hundes. Er sollte charakterfest, lieb, zugänglich, neugierig und ausgeglichen sein.“

Informiert Ihr neue Patienten, dass Ihr einen Hund in der Praxis habt?

CuK: „Wir stellen Lilly am Eingang auf einem Plakat vor. So weiß jeder, der zu uns kommt, dass er ihr begegnen könnte. Sie ist ja nicht immer da.“

Wie haben Eure Mitarbeiter auf die neue „Kollegin“ reagiert?

CuK: „Durchweg positiv. Alle lieben Lilly. Sie ist unsere Stresspegelsenkerin.“

Gab es Beschwerden von Patienten?

CuK: „Tatsächlich waren zwei unserer Patienten nicht so begeistert über unseren tierischen Zuwachs, aber das haben wir ganz einfach gelöst. Wir vermeiden die Begegnung. Das bedeutet, wenn wir sehen, dass die Patienten zur Behandlung kommen, packen wir Lilly ins Büro. So gibt es keine Berührungspunkte.“

„Wir erleben es tatsächlich weniger, dass Menschen meckern, wenn Lilly da ist.“

Gibt es spezielle Hunderegeln bei Euch in der Praxis?

CuK: „Wir haben fast in jedem unserer Räume ein Körbchen stehen, damit Lilly sich zurückziehen kann, wenn sie möchte. Ein „Aus-Raum“ ist vorteilhaft, wo der Hund wirklich zur Ruhe kommen kann.

Es gibt einen Raum, in den sie nicht hinein darf. Das ist ein Behandlungsraum, wo wir gegebenenfalls Patienten mit offenen Wunden behandeln – zum Beispiel Patienten mit Ulcus cruris.

In der Praxis bekommt Lilly nur Wasser. Gefüttert wird sie zu Hause.“

Gefüttert wird sie doch bestimmt von Euren Patienten?

CuK: „Hör bloß auf. Das war anfangs ein echtes Problem. Wir mussten mit einigen unserer Patienten ein ernstes Wörtchen reden. Da wurde extra beim Bäcker für Lilly eingekauft. Von Käsecroissants bis Karamellkekse war alles dabei. Das geht natürlich nicht und ist ja auch nicht gesund für den Hund. Mittlerweile haben wir das im Griff und es steht auch auf dem Info-Plakat am Eingang. Therapiehund Lilly – bitte nicht füttern.“

Apropos Therapiehund Lilly – wo habt Ihr die Ausbildung mit ihr gemacht?

CuK: „In der Akademie für Therapie- und Behindertenbegleithunde Kropp e. K. Das hat uns sehr gut gefallen.

Wie lief die Ausbildung ab?

CuK: „Die Kurse fandenan den Wochenenden statt. Vor Beginn der Ausbildung wurde so eine Art Wesenstest mit Lilly gemacht. Ist sie überhaupt geeignet als Therapiehund? Hat sie Lust zu lernen? Wie interagiert sie mit uns?“ …

Kann ich mich jeden Hund zu einer Therapiehund-Ausbildung anmelden?

CuK: „Auch hier gilt ein grundsätzliches Ja.Der Hund sollte mindestens zwei Jahre, aber nicht älter als acht Jahre alt sein. Ältere Hunde sind schneller überfordert, daher ist es nicht mehr unbedingt zumutbar. Und der Hund darf kein Staubsauger sein, also alles aufnehmen wollen, was am Boden liegt. Das könnte stressig werden 🙂 “

Wusstet Ihr schon vorher, wo Lilly eingesetzt werden soll oder hat sich das erst nach der Ausbildung ergeben?

CuK: „Wir hatten bereits Kontakt zu einem Alten- und Pflegeheim. Aktuell hat noch eine andere Einrichtung Interesse angemeldet. Aufgrund der Corona-Situation hatten wir die Termine erst mal ausgesetzt. Aber jetzt gehen wir unsere Zusammenarbeit wieder an und planen die auch auszubauen.“

„Die erste Frage der Patienten ist immer: Wo ist der Hund?“

Wie lange dauert eine Therapieeinheit mit Lilly?

CuK: „Gruppen- und Einzeltermine dauern ungefähr eine halbe Stunde. Davor muss Lilly ausgeführt und auf Spur gebracht werden. Im Anschluss an die Therapie sorgen wir dafür, dass sie wieder „runterkommt“ und gehen mit ihr spazieren. Dokumentation gehört auch dazu. Das bedeutet: für eine halbe Stunde Therapieeinheit investieren wir zusätzlich summa summarum eine Stunde Vor- und Nachbereitungszeit.“

Wie viele Therapieeinheiten am Stück sind für Lilly zumutbar?

CuK: „Maximal zwei bis drei Einheiten. Das reicht für sie.“

Gibt es Therapiezeit mit Lilly auf Rezept oder sind das Privatleistungen, die Patienten oder die Heime aus eigener Tasche bezahlen?

CuK: „Es kommt vor, dass Ärzte oder Psychologen Therapiehund-Einsätze empfehlen. Ein Rezept stellen sie dafür nicht aus.“

Wie kann ich mir eine Therapieeinheit in der Gruppe vorstellen?

CuK: „Das kommt auf die Gruppe und das Behandlungsziel an. Soll Feinmotorik geschult werden oder – zum Beispiel bei Demenzerkrankungen – das Gedächtnis trainiert werden? Danach sind die Übungen oder Spiele ausgerichtet. Wurf-, Bring- und Geschicklichkeitsspiele, Memory … Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.“

Wie würdet Ihr die Arbeit mit Lilly abschließend beschreiben?

CuK: „Als absolute Bereicherung. Du bekommst einen anderen Zugang zu Menschen als zum Beispiel in der Physiotherapie. Durch die bedingungslose Zuneigung und Wärme des Hundes fühlen sich unsere Patienten akzeptiert, geliebt und aufgemuntert. Das mitzuerleben sind echte Gänsehautmomente. Mit Lilly am Patienten zu arbeiten macht Spaß, bringt Abwechslung und ist eine sehr wertvolle und schöne Aufgabe für uns drei.“

Von Hundemensch zu Hundemenschen – besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Ich bin Lilly-Fan. Euch und Eure Arbeit finde ich sowieso klasse. Liebe Corinna, lieber Karsten, vielen Dank für Eure Zeit.

Bei Deinen Fragen zu den Themen Hund in der Physiotherapiepraxis und Therapiehund darfst Du Dich als Elithera-Partner gerne an Corinna und Karsten wenden. Corinna darf übrigens auch Therapiehunde ausbilden … 😉

Du bist noch kein Elithera-Partner? Warum eigentlich nicht? Hast Du Lust, uns in Hameln zu besuchen, damit wir Dir unser Franchisesystem für Physiotherapiepraxen persönlich vorstellen können? Gerne. Du bist herzlich eingeladen. Vereinbare jetzt Deinen kostenlosen Erstberatungstermin.

Bis demnächst. Wir freuen uns auf Dich!


* Sit, stay, heal: Study finds therapy dogs help stressed university students, 2018, University of British Columbia, https://www.sciencedaily.com/releases/2018/03/180312085045.htm

** Jährlich stattfindendes Erfarungsaustauschtreffen aller Elithera-Partner im Netzwerk. Die Veranstaltungsorte für unsere Erfas wechseln jedes Jahr. Dieses Jahr treffen wir uns – wenn es die Corona-Auflagen zulassen – in Nürnberg.

Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt, nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.